M. 

M. hatte den schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn überschritten. Er hatte die reale Welt verlassen und sich für die Mathematik entschieden. Schon früh hatte M. seine Begabung entdeckt. Es hatte ihm schon immer Spaß gemacht, die Welt der Zahlen auf den Kopf zu stellen und grundlegende Formeln immer wieder neu zu beweisen.
Doch nun war M. allein. Die Leere und Stumpfsinnigkeit der Welt fras ihn auf.
In der Schule wurde M. noch gemocht. Die Lehrer lobten sich selbst dafür ein Talent entdeckt zu haben und schickten ihn von einem Förderprogramm zum nächsten. Manchmal sah er sein Zuhause für Wochen nicht. Vielleicht gab auch das den Anstoß, dass M. sich immer mehr zurückzog. Er saß in seinem Zimmer, das aus nicht viel mehr als einem Bett bestand, und starrte Löcher in die Wand. Wenn seine Eltern ihn fragten was er mache, meinte er nur "Denken".
Später, als er sich immer mehr vom sozialen Leben abkapselte, schob man es auf die Pubertät. Es sei nur eine Phase.
Als M. 19 war starben seine Eltern bei einem Verkehrsunfall. Es schien ihn nicht zu treffen. Mit seiner Erbschaft kaufte er sich seine eigene Wohnung: 2 Zimmer. Kalt, steril. Da er die Schule beendet hatte, konnte er sich nun noch mehr seiner Isolation widmen. Oft saß er mehrere Tage lang ohne zu essen oder zu trinken in einem Stuhl in der Mitte seiner Wohnung. Wenn er doch einmal aufstand, rechnete er. Nach kurzer Zeit waren die Wände seines Zimmers übersät von Zahlen und Formeln.
Nur manchmal, wenn er es vor Hunger nicht mehr aushielt, verließ er sein Zimmer. Doch die Welt außerhalb behagte M. nicht. Sie erschien im nutzlos, öde und primitiv. M arbeitete an einer Formel, einer Formel die die Welt verändern würde, einer Formel mit deren Hilfe Zeitreisen möglich sein würden.
Er würde sie der Welt zeigen, zeigen welch ein Genie er war. Sie würden ihn lieben.
Doch noch war die Welt noch nicht so weit, das wusste M. Noch nicht. So lebte M. Jahr für Jahr in seiner Wohnung und rechnete. Wartete. Wartete auf den Moment der Welt seine Genialität zu präsentieren.
Kriege kamen und Kriege gingen. Eine Hungersnot brach aus.
Doch von alledem merkte M. nichts. Er hatte den Gipfel der Einsamkeit erreicht. Er war kurz vor dem Durchbruch. Eines Tages war M. so weit. Er wagte sich auf die Straßen der Stadt. Die Welt war kalt und unfreundlich geworden. Der dritte Weltkrieg hatte die Menschen verändert. An jeder Ecke sah man mindestens einen Sicherheitsbeamten. Die Menschen tuschelten, wenn M. vorüberging. Er entsprach nicht der Norm, seine Kleidung nicht den Vorschriften. Ein Wachbeamter bat ihn, sich auszuweisen. Doch M. besaß keinen Pass. Er wusste seinen Namen nicht mehr. Man nahm ihn mit, verhörte ihn, befragte ihn. Wer er sei, welchen Beruf er ausübe, welcher Partei er angehöre.
Doch M. sprach nicht. Man erklärte ihn für verrückt und schloss ihn in einer Anstalt ein. Er bekam ein kleines Zimmer zugewiesen und nannte ihn "M." für "Mathematiker", denn das einzige, das M. von sich gab, waren wirre Formeln. Man kümmerte sich nicht weiter um ihn. Solche Menschen waren im System nicht erwünscht. Doch M. entwickelte sich seine eigene Welt. Tief drinnen in den Wirrungen seines Verstandes erschuf er sich eine Wüste, in der es nur ihn und seine Formeln gab. Niemanden sonst. Hier fühlte er sich wohl. Doch in der Welt gab es einen Umschwung. Es gab eine neue demokratische Regierung, die sich um die Anliegen der Menschen kümmerte. So auch um M. Er musste nun täglich Therapiesitzungen über sich ergehen lassen. Man wollte ihn zurück zur Gesellschaft bringen.
Doch das alles störte M. enorm. Es zerstörte seine eigene Welt, man rüttelte gewaltsam an ihr. Plötzlich fühlte er sich nicht mehr wohl in seiner Wüste. Er war nun nackt und fror. Raubtiere schlichen um ihn herum. Doch er wollte seine Welt nicht aufgeben. Er begann zu zittern und verlor seien Haare. Die Ärzte wussten nicht, was sie tun sollten. Auch M. wusste es nicht. Er fühlte sich von seiner eigenen Welt verraten und konnte dennoch nicht zurück in die reale Welt. Er wurde wahnsinnig. Es gab keinen Ausweg mehr für ihn. Oft rannte er in seinem Zimmer auf und ab oder schlug seinen Kopf gegen die Wand. Man stellte ihn ruhig. Doch die wilden Tiere in seinem Kopf ließen sich nicht ruhigstellen. Sie umzingelten ihn, kreisten ihn ein, kamen immer näher.
Eines Tages gab M. den Kampf auf. Er überließ seine eigene Welt den Raubtieren und starb.
Eines Morgens fand man ihn tot in seinem Zimmer. Niemand konnte sich seinen Tod erklären. Körperlich war er völlig gesund.
Nur der gehetzte Gesichtsausdruck hatte sich gewandelt. Auf den nun starren Zügen seines Gesichtes konnte man nur noch eines erkennen: Frieden.

19.5.07 16:27

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